Unterricht in Zeiten von SARS-CoV-2

Als vor zwei Wochen unsere Schule wegen des Coronavirus schließen musste, lagen die Nerven vieler KuK ziemlich blank…“Wie soll der Unterricht weiterlaufen? Bekommen wir unseren Stoff trotzdem noch durch? Was bedeutet eigentlich digitaler Unterricht?“ Das waren einige Fragen, die im Lehrerzimmer die Runde machten. Da wir aktuell unsere digitale Infrastruktur erst ausarbeiten, sind solche Fragen allerdings absolut nachvollziehbar, da tatsächlich erstmal nicht die eine Lösung für den Haufen von Problemen existierte vor den meine und tausende andere Schulen in Deutschland standen bzw. heute noch stehen.

Neben den doch sehr beliebten E-Mail-Verteilern, die primär dazu dienen, um die SuS mit Materialien zu bombardieren, möchte ich nun ein paar Einblicke in meine Interpretation des digitalen Unterrichts liefern:

Die Abstinenz des Lehrers und des Klassenraums führen zu vielen Vor- aber auch ebenso vielen Nachteilen. Durch die erlangte Freiheit der Zeitbestimmung können die Lernenden nun ihren Unterrichtstoff selbst strukturieren und dann bearbeiten, wenn sie darauf Lust oder sonst eine Art von Motivation verspüren. Ich persönlich bin ja ein Fan von intrinsischer Motivation, sehe hier jedoch das größte Problem: wie können wir von den SchülerInnen in dieser kurzen Zeit verlangen, dass sie ihr selbstständiges Lernen perfektionieren, während wir sie in den letzten Jahren wenig bis kaum dazu befähigt haben? Natürlich gibt es viele Schulen, die sehr stark mit individuellen Lernplänen arbeiten. Es gibt aber genug Gymnasien, an denen diese Praxis nicht üblich ist.

Zu der fehlenden Selbstständigkeit tritt die Einstellung mancher KollegInnen, dass die SchülerInnen maximal mit Arbeitsaufträgen versorgt werden müssen (Stichpunkt „bombardieren“). Nicht wenige SchülerInnen haben mir in den letzten Wochen berichtet, dass der Workload einfach zu groß ist und sie dadurch absolut überfordert sind. Die Materialien sollen in kürzester Zeit bearbeitet und zurückgeschickt werden, damit sie auch benotet werden können. Dabei haben viele SchülerInnen jedoch keinen optimalen Zugang zum Internet oder wissen überhaupt, wie man eine doc-Datei zu einer pdf-Datei umformatieren kann…ist das also der sogenannte digitale Unterricht, bei dem Lernende einfach mit Materialien überschüttet werden und gemäß dem Motto „Friss oder Stirb“ die Aufgaben abarbeiten sollen? Ich denke (hoffe es) nicht.

Welche Aspekte könnten also im Fokus des digitalen Unterrichts liegen? In der ersten „Corona-Woche“ habe ich mir dazu sehr viele Gedanken gemacht und entsprechend meinen Unterricht strukturiert. Zunächst sollten die Lernenden nicht mit dem Stoff alleine gelassen werden. Aber wie soll das funktionieren? Ich kann ja nicht bei jedem Schüler anrufen und ihm die Bio-Aufgabe erklären. Eine Antwort bieten Videokonferenz-Tools. Ich habe in jeder Woche feste Termine, in denen meine Kurse die Konferenzen besuchen und Fragen stellen können. Neben inhaltlichen Themen ging es bei diesen Konferenzen auch oft um die Strukturierung des eigenen Lernens oder einfach über Ängste zu sprechen. Vor allem der letzte Punkt war für mich wichtig, da ich zunehmend wahrgenommen habe, dass die aktuelle Krise nicht spurlos an den SchülerInnen vorbeigegangen ist. Durch Videokonferenzen können also individuelle Lernprozesse begleitet werden – echt eine super Sache! Aber wie kommen die SuS denn nun an die Materialien und wissen was sie zu erledigen haben?!

Ich persönlich habe dafür Padlet benutzt. In einem anderen Blog-Eintrag habe ich bereits über die Anwendung gesprochen. Nun kommt aber ein ganz neuer Aspekt dazu. In meinen Kurspadlets können die Lernenden auch ihre Arbeitsergebnisse veröffentlichen. Ich habe diese Funktion genutzt und meinen Unterricht etwas mehr geöffnet. In Biologie nahm ich beispielsweise diverse Erklärvideos auf, in denen ich den SchülerInnen ein kleines Experiment oder Alltagsphänomen darstellte und dann auf die Bearbeitung dieses Problems hingeleitet habe. Am Ende erklärte ich dann die Phänomene nochmal. Manchmal erfolgte die Erarbeitungsphase mit Informationstexten (die die SuS bei Padlet finden konnten) oder eben durch länger angesetzte Recherchearbeiten. Zur Differenzierung gab ich dabei bestimmte Internetseiten an, um die Aufträge ein wenig zu entlasten. Auch das Arbeitsergebnis ließ ich oft offen. Sei es eine schematische Übersicht der Immunisierung, ein eigenes Erklärvideo oder eben ein eigens verfasster Sachtext – die SchülerInnen durften hier frei wählen.

Natürlich stellt meine Art des Unterrichts nicht das didaktische Wunderland dar. Durch Rückmeldung seitens der SchülerInnen bei Videokonferenzen habe ich jedoch erfahren, dass diese offene Herangehensweise dazu beiträgt, dass der einzelne Schüler/ die einzelne Schülerin sich nochmal selbst Gedanken machen muss, wie sie/er sein/ihr Ergebnis eigentlich genau strukturieren und darstellen will. Dadurch habe ich zwar jetzt einen Berg von sehr individuellen Arbeitsergebnissen, die aber genau die Vorlieben der jeweiligen SchülerInnen widerspiegeln. Um ehrlich zu sein, finde ich das richtig super! Ich will doch gar nicht immer alle Ergebnisse unter ein vorgefertigtes Korrekturschema legen und dann Schülerin XY eine schlechte Note reindrücken, weil sie eben keine 600 Wörter zur aktiven Immunisierung verfasst, sondern ein eigenes Schema erstellt hat, das man ohne Probleme in unser Bio-Buch übertragen könnte.

Fassen wir das nochmal zusammen: Uns bietet sich jetzt eine echte Chance. Machen wir nach den Schulschließungen weiter nach Schema-F oder sind wir mal mutig und probieren was Neues aus? Dabei muss ja nicht direkt der komplette Schulalltag verändert werden, aber wenn wir ein bisschen an unseren Stellschrauben drehen, dann wäre es doch vielleicht möglich bestimmte Lernprozesse anzutreiben und längerfristig doch in unserem Unterricht zu implementieren.

2 Kommentare zu „Unterricht in Zeiten von SARS-CoV-2

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  1. Danke für deine Anregungen. Denke auch, dass dieses Miteinander mit den SuS gerade zum Teil ein großer Gewinn sein kann.
    Bei uns in SH gibt es die strikte Anweisung, keine Noten auf Erarbeitungen zu geben. Zudem dürfen Inhalte der letzten Wochen keine Hauptgrundlage für (mögliche)Arbeiten nach dem 19.4. sein.

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    1. Bei uns in Hessen kam die Anweisung der SL, dass wir auf jeden Fall Aufgaben geben und benoten sollen. Kann man so und so sehen, aber es förderte nochmal den Druck der KuK sich mit dem „digitalen Unterricht“ zu beschäftigen.

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